Frankreichs fünf Republiken: Die Erste Republik

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Wer behauptet, dass Remouladensoße auf irgendein Brötchen gehört, der bietet einem auch Kaffeesahne als Milch an. Verächtlich trage ich meinen nun also ganz schwarz vor sich hindampfenden Pappbecher-Kaffee in die abgelegenste Sitzecke des Bäckers und schaue in den Nieselregen. Bevor ich dabei wegnicke, angle ich mir das behutsam abgegrabbelte Exemplar der Zeitung vom Nebentisch. Immerhin keine Bild - wieso sie beim Bäcker überhaupt Bild verkaufen, ist mir unklar - da vergeht einem doch der Appetit.

Ich blättere und lese und stelle fest, dass die ganze Zeitung kurz vor Frankreichs Präsidentenwahl enorm unter Spannung steht: “Frankreich wählt!” “Jetzt der Frexit?” “Le Pen-ultimate Niederschlag für Europa?“ “Kampf um die Ma-Crone Frankreichs?”

Eine Floskel begegnet mir in abgewandelter Form immer wieder. “Bewährungsprobe für die fünfte Republik.” “Rutscht Frankreich in die sechste Republik?” “Ist die fünfte Republik am Ende?” Die reden so, als sei klar, was damit gemeint ist. Mir ist das nicht klar!

Fünf Stück? Seit wann hat Frankreich so viele Republiken in petto? Und wo sind die anderen vier?

Ich blicke vorsichtig um mich. Wissen die anderen hier etwa alle davon und ich bin der einzige Ahnungslose? Immerhin verkaufen die hier Croissants, Baguettes, Café au lait und Franzbrötchen - das sind also sicherlich alles Insider. Ich lasse mir erst mal nichts anmerken, öffne den Laptop und versuche meine Wissenslücken zu stopfen. Erst mal schauen, was eine Republik ist…

Eine Republik ist laut Duden eine Staatsform, in der die Regierung demokratisch gewählt wird und Amtszeiten begrenzt sind. Republik und Demokratie müssen aber nicht immer zusammen auftreten - China ist ja auch Republik. Das Gemeinsame der Republik Irland und der Volksrepublik China ist, dass die jeweiligen Regierungen ihre Legitimiertheit aus der Wahl und dem Willen des Volkes speisen. Soso. Zurück geht das auf Jean-Jaques Rousseau. Der forderte, dass der allgemeine Volkswille die Macht haben sollte (hier steht Rousseau sagte gar nicht allgemeiner Volkswille, sondern "Volonté générale").

Egal ob Irland, China oder Frankreich: Republiken haben keine Königin, keinen Kaiser, keine Durchlauchtheit.

Okay! Wieso hat aber Frankreich jetzt schon 5 Republiken. Und wann überhaupt? Also: Nummer 1 nach der Französischen Revolution. Nummer 2 nach Napoléon dem Ersten. Nummer 3 nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Nummer 4 & 5 nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sind tatsächlich fünf. Aber warum so viele? Da muss ich wohl genauer recherchieren, wenn ich noch ruhigen Gewissens mein Portemonaise hier hervorholen möchte - doch erst mal Quatsch raussuchen:

Puh - bei so viel Weltgeschichte habe ich ganz meinen nun auskühlend dahindampfenden Kaffee vergessen, der doch nur Zentimeter vor mir steht. Vorsichtig an der nun doch beflissentlich sperrigen Brühe nippend, vergnüge ich mich noch etwas als Wikipedia-Routen-Planer und versuche die kürzeste Verbindung zwischen zwei Artikeln zu finden.
Von “Emmanuel Macron” schaffe ich es in immerhin vier Schritten bis zu Ödipus. Und von Marine Le Pen brauche ich nur zwei kleine Schrittchen bis zum Vichy-Regime. Ob irgendjemand weniger Schritte braucht? Glaube ich erst, wenn ich es in meinem Mail-Postfach besser@memucho.de gelesen habe.
Ich gönne mir ein Rosinenbrötchen und fange mit der ersten Republik an:

1789 wurde das Brot in Frankreich so richtig, richtig teuer und es gab folgerichtig Revolution. Ein Handwerker musste bis zur Hälfte seines Monatseinkommens für Brot ausgeben. Ein Blick auf die Brotauslage hier zeigt mir auch gesalzene Brotpreise - aber ich sehe auch, dass hier eine Revolution erst mal nicht erwartbar ist. Mitte des Jahres ging es dann Schlag auf Schlag.

Im Juli wurde die Bastille gestürmt. Im August beschließt die Nationalkammer voller Selbstbewusstsein erst die Abschaffung des Feudalsystems und ruft auch noch die Menschenrechte aus (also für Menschen die Männer sind und christlich und Franzosen…). Dann spazieren die Frauen im Oktober mit der Nationalgarde zum König nach Versailles und packen als erstes alles Brot und Getreide ein, nehmen die königliche Gesellschaft mit nach Paris und bringen durch diesen Druck den König dazu, den Beschlüssen der Nationalkammer auch zuzustimmen und damit die absolute Monarchie zu beenden.

Da noch nicht genug Franzosen auch noch den König mit wegrevolutionieren wollten, war Frankreich dann also erst quasi und ab 1791 auch ganz ordentlich eine konstitutionelle Monarchie. Der revolutionäre Geist, mit dem das Kircheigentum verstaatlicht wurde, die Binnenzölle abgeschafft und das Richteramt nicht mehr kaufbar gemacht wurden verflog mit der Zeit ein bisschen. So wurde das neue Wahlrecht auf reiche Männer über 25 beschränkt. Denn - so die Begründung - nur reiche Männer über 25 sind unabhängig genug, eine selbstbewusste, freie Wahlentscheidung zu treffen. Da wollte wohl jemand verhindern, dass der hungrige Magen wieder politisch mitentscheidet…

Es gab im selben Jahr auch die “Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne” - die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, aber das haben die ganzen Männer in der Nationalkammer erstaunlicherweise nicht mit auf dem Zettel für die neue Verfassung gehabt. Nicht mal die reichen Frauen durften wählen.

So richtig spannend war das alles für den König Ludwig den sechzehnten (”Louis XVI” wie der Franzose sagt). Da wollte ihn Frankreich als König einer konstitutionellen Monarchie haben - aber er wollte keine konstitutionelle Monarchie. Wat machste jetz? Dankste ab? Beißte die Zähne zusammen? Ludwig hat den heldenhaften Weg gewählt und versucht heimlich nach Österreich abzuhauen. Heimlich wie ein pompöser Monarch! Er wurde also mit dem Schmetterlingsnetz eingefangen und unter extra Arrest nach Paris gebracht. Da es danach immer noch genug Königsanhänger in wichtigen Positionen gab, galt die Flucht als Entführung und Ende der Debatte.

Der nächste richtig gute königliche Einfall war dann: Krieg anfangen und entweder sich in Kriegswirren hoch putschen, oder den Krieg verlieren. Da die europäischen Monarchien inzwischen sowieso ob der revolutionären und unkirchlichen Umtriebe in Frankreich missgestimmt waren, war die Grundstimmung kriegerisch genug und eine Niederlage würde wohl die Wiederherstellung der absoluten Monarchie in Frankreich bedeuten.

Nun wollte also der König Krieg führen und auch viele Revolutionäre wollten das mon-arschiche Ausland militärisch in Schach halten. Ab März 1792 gab es dann Krieg und Stück für Stück gesellte sich ganz Europa in den Kampf gegen Frankreich. Die Franzosen misstrauten aber ihrem König und vielen Offizieren immer mehr und als der Herzog von Braunschweig ein Manifest sandte, in dem es ungefähr hieß “Wenn ihr dem König auch nur ein Haar krümmt, brennen wir Paris nieder” hatten die Franzosen das Gefühl, dass ihr König gar nicht Kriegsgegner ihrer Kriegsgegner war.

Daraufhin wurde der König im August nach Erstürmung der königlichen Residenz (dem Tuilerienpalast) mitsamt Familie nun so richtig, richtig eingekerkert. Nun war alles bereitet, um eine Gesellschaftsordnung ganz ohne König zu beginnen. Es durften nun alle Franzosen (also Männer über 21…) einen Nationalkonvent wählen und im September (am 21.) begann die Erste Französische Republik. Aber ewig konnte die natürlich nicht halten, sonst hätten wir ja heute nicht schon die Fünfte.

Was gab’s so in der ersten Republik? Einen revolutionären Kalender! Dann eine neue, noch demokratischere Verfassung von 1793 - die nicht angenommen wurde. Stattdessen wurde ein “Wohlfahrtsausschuss” (Spitzname “La Terreur”) einberufen, der sich ein Jahr lang um das Auffressen der Kinder (also das guillotinieren der Feinde) der Revolution kümmerte - mehrere Zehntausend davon.

Dann bürgerkriegsähnliche Zustände, Einschränkung des Wahlrechts, Stärkung der Exekutive (ein fünfköpfiges Direktorium) und schließlich ein Staatstreich im Brumaire, der der Republik zuerst ein Konsulat mit Napoléon Bonaparte vorstellte und sie schließlich ganz offiziell abschaffte um Kaiserreich zu sein.

Nach einigen Streiksemestern mit vielen Vollversammlungen kommt mir das doch alles ganz folgerichtig vor. Große Ideen, Streit, Krieg, Lethargie - immer wieder - und meistens Lethargie. Die Errungenschaft, die mich am meisten an naive neue-Welt-Romantik erinnert, ist der Revolutionäre Kalender.

Inoffiziell zählte man mit ihm schon ab 1789. Später wollte man den Kalender auf ganz vernünftige Füße stellen, den Anfang machte aber das patriotische Gefühl. Der Tag nach dem Sturm auf die Bastille galt als Beginn des Jahres Eins der Freiheit. Das Einkerkern des Königs war aber Anlass genug, das Jahr Eins der Gleichheit auszurufen (ab dem 10. August 1792). Das währte aber nicht lang, denn mit Beginn der Republik begann das Jahr Eins der Republik (ab 22. September 1792).

In der Republik sollte die Trennung von Kirche und Staat deutlich vollzogen werden. Also mussten auf jeden Fall die Sonntage und alle christlichen Feiertage wegfallen. Außerdem ist sieben eine enorm unvernünftige Zahl. Ab dann hatte die Woche ganz vernünftige zehn Tage. Wir haben ja auch zehn Finger. Leicht unpopulär war, dass dann immer nur noch ein Tag pro Woche frei war… (Obs dann auch noch Subbotnik gab?). Es blieb erstaunlicherweise bei 12 (allerdings umbenannten) Monaten und jeder Monat bekam drei mal zehn Tage zugeordnet. Die übrig gebliebenen Tage wurden entspannt ans Ende des letzten Monats (das war dann Mitte September) angehängt. Toll! So kam es also, dass die Republik nicht im November endete, sondern im Brumaire.

Der Versuch noch vernünftiger zu werden (pro Tag 10 Stunden, pro Stunde 100 Minuten, pro Minute 100 Sekunden) wurde allerdings ausgesetzt, da neue Uhren erst einmal viel zu teuer gewesen wären. Andere völlig alberne Sachen im Dezimalsystem wurden auch noch eingeführt. Der Liter, das Meter, der Franc und das Gramm. Lächerlich!

Die Bäckereifachangestellte vor den Mischbroten schaut mich an, als sollte ich entweder mal das Weite suchen, oder noch für etwas Umsatz sorgen. Ich verschiebe die Recherche zur Zweiten Republik auf später und mache mich davon.